ASS-Diagnostik bei Erwachsenen mit kognitiven Beeinträchtigungen – ein wichtiger Schritt für Betroffene und Betreuungspersonal

In der Allgemeinbevölkerung liegt der Anteil von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung bei etwa 2 Prozent. Bei Menschen mit intellektuellen Einschränkungen ist dieser Anteil deutlich höher. Eine große Studie auf Basis einer schottischen Volkszählung zeigte, dass 21,7 Prozent der Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen zusätzlich eine Autismus-Spektrum-Störung haben (Dunn et al., 2018). Dabei ergibt sich ein klarer Zusammenhang: Je stärker die intellektuelle Einschränkung ausgeprägt ist, desto häufiger tritt auch Autismus auf. Bei einem IQ zwischen 50 und 70 liegt der Anteil bei 9,9 Prozent, bei einem IQ unter 50 bei 31,7 Prozent (Sappok et al., 2010).

Erwachsene mit intellektuellen Einschränkungen zeigen sehr unterschiedliche Verhaltensweisen. Diese hängen vom Ausmaß der Einschränkung, von der Persönlichkeit und von den bisherigen Lebenserfahrungen ab. Im Alltag stellt sich daher häufig die Frage, ob bestimmte Verhaltensweisen Teil der intellektuellen Beeinträchtigung sind oder ob zusätzlich Autismus vorliegt.

Haben Zusatzdiagnosen wie zum Beispiel „Autismus-Spektrum-Störung“ einen Mehrwert für die betroffene Person?

Ja, eine Autismus-Diagnostik bei begründetem Verdacht bietet zahlreiche Vorteile sowohl für die betroffene Person selbst als auch für das Betreuungspersonal.

In vielen Betreuungseinrichtungen für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung werden Personen mit unerkannten Doppel- und Mehrfachdiagnosen begleitet. Dies stellt das Betreuungspersonal immer wieder vor große Herausforderungen.

In einer Betreuungseinrichtung für Erwachsene mit intellektuellen Einschränkungen (Haus der Barmherzigkeit Inklusionsteam GmbH-HABIT) lebt eine Person, deren Verhalten für das Betreuungsteam sehr herausfordernd ist. Es zeigen sich autistische Merkmale. Diese lassen sich jedoch nur schwer von der ausgeprägten intellektuellen Einschränkung und von belastenden Lebenserfahrungen unterscheiden. Den Betreuungspersonen war eine gezielte Förderung der Lebensqualität der Person ein besonderes Anliegen, sodass die Autistenhilfe kontaktiert wurde. Eine Diagnostik ergab schließlich eine positive Autismus-Diagnose. Dadurch konnte das Team das Verhalten der Person im Alltag besser verstehen und diese gezielter unterstützen. Dieses neue Verständnis wirkte auch entlastend auf das Betreuungsteam. Das Wissen über die Hintergründe des Verhaltens führte zu mehr Ruhe, Sicherheit und Gelassenheit im Umgang. Davon profitierten alle Beteiligten.

Frau Mag. Sinzinger, Diagnostikerin bei der Autistenhilfe, betont die Bedeutung einer sorgfältigen Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen mit intellektuellen Einschränkungen und entsprechenden Auffälligkeiten. Sie beschreibt die Diagnose als eine Art „Brille“, durch die eine Person und ihr Verhalten klarer gesehen und besser verstanden werden können. Dies stärkt die Beziehung, entlastet das Betreuungspersonal, erhöht die Handlungssicherheit und ermöglicht gezielte therapeutische Maßnahmen.

Die Autismus-Diagnostik ist anspruchsvoll und erfordert viel Fachwissen. Besonders bei Erwachsenen mit intellektuellen Einschränkungen ist es wichtig, den tatsächlichen Entwicklungsstand der Person zu berücksichtigen. Das Lebensalter allein ist dabei nicht entscheidend. Der Entwicklungsstand bildet die Grundlage, um einschätzen zu können, ob typische Merkmale von Autismus in der Kommunikation und im sozialen Miteinander vorliegen. Er ist auch wichtig, um passende Kontakt- und Materialangebote im diagnostischen Prozess zu tätigen.

Dieser Anlassfall lenkte den Blick der Autistenhilfe auf eine bislang wenig beachtete Frage: Warum werden Menschen mit intellektuellen Einschränkungen so selten zur Autismus-Diagnostik angemeldet, obwohl Autismus in dieser Gruppe besonders häufig vorkommt? Wie hoch ist die Zahl der nicht erkannten Fälle im Erwachsenenalter tatsächlich? Und zentral: Wie lässt sich die Versorgung in diesem Bereich verbessern?

Antworten liegen unter anderem in besserer Aufklärung, leicht zugänglichen Informationen und gezielten Fortbildungen. Ebenso wichtig sind gut strukturierte Diagnostikangebote, von denen Betroffene, Angehörige und Betreuungspersonen gleichermaßen profitieren.

Eine Abklärung ist auch dann sinnvoll, wenn sich der Verdacht auf Autismus nicht bestätigt, da die Verhaltensprobleme sich dann anders erklären lassen müssen, andere „Brillen“ des Zugangs für Verständnis und Therapie genutzt werden müssen.

Im Mittelpunkt steht dabei immer das gleiche Ziel: Die Lebensqualität erwachsener Menschen mit intellektuellen Einschränkungen zu verbessern und jene Menschen zu stärken, die sie im Alltag begleiten.

Deshalb ermutigt Frau Mag. Sinzinger im Namen der Autistenhilfe Angehörige und Betreuungspersonen, Erwachsene mit intellektuellen Einschränkungen bei Verdachtssymptomen in der Autistenhilfe zur Diagnostik anzumelden.

Eine Informationsveranstaltung zum Thema Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen mit kognitiven Einschränkungen ist im Mai 2026 geplant. Weiterführende Informationen finden Sie in unserem Fortbildungskalender unter: https://www.autistenhilfe.at/fortbildung-autismus-wien/

Text: Mag.a Alexandra Sinzinger, Mag.a Iris Koppatz, Mag. Qinwei Max Xu, MSc

Literatur:

Dunn, K., Rydzewska, E., MacIntyre, C., Rintoul, J., & Cooper, S.-A. (2018). The prevalence and general health status of people with intellectual disabilities and autism co-occurring together: A total population study. Journal of Intellectual Disability Research, 62(11), 971–986. https://doi.org/10.1111/jir.12573

Sappok, T., Bergmann, T. & Kaiser, H. et al. (2010). Autismus bei erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung. Nervenarzt 81, 1333-1345.