Spielerisch Autismus begreifen

Die besondere Wahrnehmungs- und Erlebniswelt autistischer Personen begreifbar machen – für Nichtbetroffene ebenso wir für deren Umfeld. Das ist das Ziel des digitalen Games „Canvas of Thoughts“. Die Initialidee dazu stammt von Ronja Rößner, die selbst diagnostizierte Autistin ist.

„Vor rund drei Jahren, bei der Bachelor-Arbeit zu meinem Studium Interactive Media and Games Business habe ich mich mit dem Thema von Computerspielen im Therapiekontext beschäftigt“, erzählt die junge Deutsche von der Entstehung des Spielekonzepts. Überrascht stellte sie damals fest, dass zwar einige educational games am Markt waren (Anm.: Spiele, die auf unterhaltende Weise Wissen vermitteln), jedoch: „Ich konnte keine Angebote mit therapeutischem Hintergrund finden. Das brachte mich auf die Idee zum Spiel.“

Zielsetzungen eines besonderen Spiels

„Meine Ambition war, über ein einfaches Spielekonzept die Gefühlswelt von Autist*innen begreifbar zu machen. Einerseits, um im Umfeld Verständnis zu erzeugen“, erzählt Rößner. Aber auch ihre eigene selbsterkennende Erfahrung als spätdiagnostizierte Autistin spielte eine Rolle: „Andererseits möchte ich anderen Betroffenen die Möglichkeit geben zu erkennen, dass sie nicht allein sind, und dass es nicht falsch ist, anders zu fühlen.“

Niederschwelliger Zugang zur autistischen Erfahrungswelt

Schon die Art des Games war bewusst auf die einfache Nutzungsmöglichkeit für beide Zielgruppen ausgerichtet. „Ich entschied mich für das Genre des Cozy Puzzle Game, weil dieses eine entspannte, stressfreie Spieleerfahrung bietet und so auf die inhaltliche Herausforderung fokussiert.“ Ohne Zeitdruck und mit einfacher Steuerung per Mausklick begleitet man den Charakter Evi, ein elfjähriges Mädchen mit ASS, durch seine Welt. „Dabei geht es zentral um ihre situativen Gefühle und Emotionen. Aufgabe des Spielers ist es, ihre Eindrücke nachzuvollziehen“, erklärt Ronja Rößner. Evis Gefühlszustand wird über Farben und grafische Eindrücke kommuniziert. „Ist Evi überlastet, wird der Bildschirm rot und wackelt. In diesem Überforderungszustand werden auch die Mausbewegungen mühsamer, um die Situation von Evi begreifbar zu machen.“ Auch Emotionen wie Ängstlichkeit, Neugierde oder Verlorenheit werden mit Farben und Symbolen kommuniziert.

Verschiedene Levels und Situationen

Die einzelnen Levels spielen in unterschiedlichen Umgebungen, die jeweils eine Hauptemotion in den Vordergrund stellen. „In der Schule steht etwa das fehlende Verständnis für Sarkasmus und die dadurch ausgelöste Unsicherheit im Fokus. Im Klassenzimmer wird Evi vom Lärmpegel gestresst, dafür trumpft sie mit Kreativität auf.“

Während es in anderen Spielen darum geht, Dialoge zu steuern, indem man Antwortmöglichkeiten wählt, geht es in Canvas of Thoughts um die Wahl der passenden Emotion, wie sie auf Evi in der aktuellen Situation am ehesten zutrifft. Ein Richtig oder Falsch wird dabei vermieden. Stattdessen werden die User*innen sanft in die Gefühlswelt der digitalen Autistin eingeführt, indem Evi in Gedankenblasen Feedback zur ausgewählten Emotion gibt. Die Dialoge des Spiels werden von den Expertinnen der ÖAH gegengelesen und gegebenenfalls Korrekturen eingebracht. „Das Fachwissen der ÖAH kommt aber auch bei den Information-Tags zum Tragen: Das sind weiterführende Hintergrundinformationen, die in den einzelnen Situationen verfügbar sind und durch Klick auf das entsprechende Symbol erreicht werden“, beschreibt Ronja Rößner. Eine erste Demoversion des Spiels soll ab 1. Mai verfügbar sein: „In dieser kann das erste Level durchgespielt werden – Dauer ca. 30 Minuten. Zum Release Ende Juni soll es dann fünf Levels geben.“ Canvas of Thoughtssteht von Beginn an für PC und Xbox zur Verfügung, Varianten für weitere Plattformen können umgesetzt werden. Je nach Nachfrage ist auch eine Erweiterung um zusätzliche Levels und Charaktere geplant.

Abwechslungsreiche Aufgaben und Relaxed-Mode

Neben den Point and Click-Aufgaben gilt es, Evi auch in ihrem Alltag zu unterstützen. So wird etwa ihr Wochenplaner sortiert oder ihr Bücherregal nach Farben geordnet. „Auch ein Soundpuzzle bietet Einblick in die Wahrnehmungswelt mit ASS.“ Autist*innen wird ein eigener Relaxed-Mode geboten, in dem Geräusche und Lichter gedimmt werden.

Förderung der Wirtschaftsagentur Wien

Umgesetzt wird Canvas of Thoughts vom Wiener Studio Bandaloop Games. „Ich habe Alex von Bandaloop Games vor einem Jahr über den Gamesverband PGDA kennengelernt. Mein Glück: Er war von meiner Idee für das Spiel gleich so begeistert, dass ich einen Job bekam.“ Diese Umsetzung begleitet Ronja Rößner in einem internationalen Umfeld: „Wir haben eigene Programmierer*innen, arbeiten aber auch mit einem Autor aus den USA zusammen. Dazu kommen eine Sound-Designerin und Grafiker*innen.“ Für die Förderung des Projekts durch die Wirtschaftsagentur Wien zeigt sich Ronja Rößner dankbar: „Erst durch diese Unterstützung konnte das erste ASS-Game dieser Art realisiert werden!“

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