Corona: Tagebuch eines Aspi

Die Situation, die wir alle derzeit erleben, ist außergewöhnlich. Für neurotypische Personen mag sie vielleicht schon eine Verunsicherung sein. Aber für uns Autisten kann es zu großer Ungewissheit führen, da täglich neue Veränderungen passieren. Wie fühle ich mich als Autist in dieser Zeit? Was waren meinen Gedanken? Ein Blick auf die vergangenen Ereignisse.

Meine Gedanken zu dieser Krise möchte ich hier mit Ihnen in Form eines Tagebuchs teilen. Aber auch wie ich mit den Einschränkungen umgehe werde ich erzählen.  Ende Februar wurden die ersten beiden Infektionen bei uns in Österreich gemeldet und schnell breitete sich das Virus aus. Daher kam es für uns Schüler*innen auch schon bald, nämlich bereits Mitte März, zu Veränderungen im Schulbetrieb. 

 

10. März

Es gingen Gerüchte um, dass demnächst bereits die Schulen schrittweise geschlossen werden könnten, was mich ein wenig verunsicherte. Denn ich überlegte mir, was in der Zeit ohne regulären Unterricht passieren wird. Wie wird der Unterricht weitergehen? Mir wurde jedoch relativ schnell klar: Der Unterricht wird nicht weitergehen. Wir werden Arbeitsaufträge bekommen, die wir erledigen müssen. Bereits heute wurden schon die Pflegewohnheime für Senioren und Seniorinnen für Besucher gesperrt, um eine Ansteckung auf die Risikogruppe zu verhindern und das traf mich stark, da wir neben unserer Schule ein Pflegewohnheim der Diakonie haben, welches ich bis dahin regelmäßig besuchte. Doch dies ist ab heute nicht mehr möglich. 

 

11. März

Ich hatte bis 15:30 Uhr Schule und es wurde im Laufe des Tages immer deutlicher, dass eine Schließung der Schulen bevorsteht. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, all meine wichtigen Schulsachen mit nach Hause zu nehmen – und das war eine Menge! Ich befürchtete nämlich, dass die Schulschließungen bereits am nächsten Tag in Kraft treten könnten. Nachdem ich am Nachmittag noch einen Termin bei der Autistenhilfe hatte, wurde in einer Pressekonferenz verkündet, dass ab dem 16.3. für die Oberstufe und ab dem 18.3. für die Unterstufe die Schulen geschlossen bleiben, der Unterricht aber digital fortgesetzt werden soll. Ich war neugierig, wie das Ganze – vor allem der schnelle Umstieg – funktionieren soll. Werden die Lehrpersonen zu viele Aufgaben stellen, oder werde ich in einen Ferienmodus fallen und nichts tun? Die Situation bereitete mir eine Ungewissheit und ich konnte zu diesem Zeitpunkt auch nicht ahnen, dass dies vorübergehend der letzte “normale” Termin in der Autistenhilfe war. 

 

12.-13. März

Wir wurden von unterschiedlichen Lehrpersonen mehrmals auf die Lernplattformen hingewiesen und bekamen erklärt, wie diese Plattformen funktionieren und an wen wir uns wenden können, wenn etwas nicht funktioniert. Wir bekamen aber auch noch ein paar Arbeitsaufträge auf Papier übergeben.

Am letzten Schultag vor der Sperre war ich auch noch im Supermarkt und bin schockiert gewesen, weil die Menschen wirklich Hamsterkäufe machten: Die Regale waren leer! Und da kam im Unterbewusstsein schon eine kleine Angst hervor, weil ich wirklich dachte: “Ist es jetzt doch schon so ernst? Habe ich irgendwelche wichtigen Ankündigungen verpasst?”

 

16. März

Ab heute heißt es Home-Learning, da wir ja nicht mehr in die Schule dürfen. Ich hoffe einfach, dass die Zeit, wo wir zu Hause bleiben müssen, schnell vorbei ist. Mehrere Wochen Quarantäne können doch nicht schön sein! Viel, außer, dass ich mich mit der Lernplattform befasst habe, und auch schon die ersten Aufgaben erledigt habe, ist heute nicht passiert. 

Die weiteren Wochen

In den weiteren Wochen, wo ich zu Hause war, stellte es sich heraus, dass es nicht schön ist, sich in Wien nicht frei bewegen zu können. Ich habe relativ schnell die Schule, vor allem den Unterricht dort vermisst, weil ich auch das soziale Leben dort eigentlich sehr schön finde. Wir hatten zwar mit ein paar Lehrpersonen Videokonferenzen, aber das ersetzt den Unterricht natürlich nicht. Auch bei der Autistenhilfe wurde schnell auf “Abstand” gesetzt. Das heißt, dass Termine jetzt leider abgesagt werden oder, wie meine TEACCH-Termine, per Videokonferenz stattfinden.

Als dann auch noch die Tiroler Gemeinden unter Quarantäne gestellt wurden, machte ich mir auch um meine Oma in Tirol Sorgen, da sie wegen ihres Alters zur Risikogruppe zählt. Aber sie hat sich zum Glück nicht angesteckt. Dennoch sorge ich mich um sie. 

 

Quarantäne & Social Distancing für Aspis – Eigentlich ideal, oder?

Auf den ersten Blick müsste man meinen, dass die aktuelle Zeit des “Social Distancing” für Autisten doch ideal sein müsste, da diese ja nicht so gerne in Menschenmassen sind oder sich generelle gerne zurückziehen. Für einige kann deshalb die Zeit jetzt, wo sie nicht in der Schule oder Arbeit sein müssen, sehr angenehm sein. Für mich ist es kein Problem, wenn ich mit anderen Menschen zu tun habe. Deshalb bin ich auch gerne im Seniorenheim, um mit den Bewohner*innen zu reden oder sie zu berühren – ihre Hand zu halten oder sie zu beruhigen, wenn es ihnen mal nicht gut geht. Und mir geht besonders dieser Teil, der direkte Kontakt von Mensch zu Mensch in den Hausgemeinschaften wirklich ab. 

Deshalb wünsche ich mir, dass die Schulsperre spätestens Mitte/Ende Mai und die Sperre der Pflegewohnheime spätestens im Sommer beendet sind, weil ich die Menschen dort gerne wieder besuchen möchte. 

 

Licht am Ende des Tunnels 

Nach Ostern wird aus derzeitiger Sicht die Wirtschaft in Österreich langsam wieder hochgefahren. Die Schulen bleiben aber noch weiterhin bis Mitte Mai geschlossen. Damit die Ansteckung aber auch in der Zeit des langsamen Hochfahrens auf ein Minimum reduziert und uns eine zweite Corona-Welle in Österreich erspart bleibt, habe ich eine große Bitte an Sie:

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